Review Jazz

Colin Stetson

Sorrow

52Hz • 2015

Tape des Jahres 2024

Colin Stetson hat mit seinem Altsaxofon so etwas eine Post-Rock-Äquivalent im Jazz geschaffen. Sein durch die schwierig zu meisternde Technik der Zirkularatmung geprägtes Spiel bringt zwei Modi zusammen: Einerseits repetitive Strukturen und andererseits ein opulentes Pathos – in Post-Rock-Begriffen also entweder erste Chicagoer (Tortoise und andere) oder zweite kanadische Welle (Constellation-Acts wie Godspeed You! Black Emperor oder A Silver Mt. Zion). Dass er sich auf seinem neuen Album »Sorrow« ausgerechnet Henryk Góreckis berühmter dritter Sinfonie annimmt, verwundert da kaum: Der hat darin genau dieses Zusammenspiel der zwei so widersprüchlich scheinenden Modi zum Erfolg gebracht – und sei es Jahrzehnte zu spät. Mitte der siebziger Jahre geschrieben, feierte das Werk des polnischen Komponisten erst 1992 und also nach der Wende ihren Durchbruch im Ausland und ging damit als die berühmteste Arbeit des Komponisten in die Geschichte ein. Dumm nur, dass der sich zu diesem Zeitpunkt schon längst von seinem Frühwerk distanziert hatte und sich niemand eingehender mit seinem sonstigen Schaffen auseinandersetzte. Stetson spinnt also ausgerechnet den Mainstream-Erfolg eines Komponisten weiter, der eigentlich für viel mehr steht. Das ist nicht das einzig Problematische an »Sorrow«, welches sich als Album im Untertitel gleichermaßen großspurig wie schwammig »A Reimagination Of Górecki’s 3rd Symphony« nennt. Reimaginiert wird nämlich kaum etwas, viel eher instrumentiert der US-Amerikaner das Original neu. Den Einstieg macht natürlich der erdige Klang seines brummelnden Altsaxofons und schon im ersten der drei Sätze erklingen E-Gitarren, die zwar an – genau – das karge Post-Rock-Pathos der Constellation-Clique (die personell durch Sarah Neufeld und Rebecca Foon vertreten ist) erinnern, damit aber dem Original höchstens ein Sound-Update verpassen. Selbst die von Liturgy-Drummer Greg Fox mit Blastbeats unterlegten, an Black Metal erinnernden Passagen – im Übrigen noch so eine sich aus Repetition und Pathos beziehende Musikart – wirken wie ein fader, effekthaschender Abschein des Originals. Was »Sorrow« vor der Belanglosigkeit rettet sind nicht die jammernden Melodienbögen der Streicher oder Stetsons hintergründiges Saxofonspiel, sondern die Stimme seiner Schwester Megan. Die übernimmt zwischen all dem abgeklärten Emotionsrecycling mit ihrem Mezzosopran eine schrille, bisweilen schief wirkende Gegenposition ein. »Sorrow« macht seinem Titel alle Ehre, denn es leidet – leidet an seiner Überinstrumentierung, seiner Durchdachtheit und seinem versteiften Pathos. Wie mittelmäßiger Post-Rock, denn so klingt es über weite Strecken auch: generisch.

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