Vorsicht, Puristen sollten lieber die Finger von Kelly Lee Owens lassen. Wer Techno rein und straight mag, ohne Beimischung anderer Genres, wer nicht damit klarkommt, dass ein Track im Verlauf von fünf Minuten drei verschiedene Richtungen einschlägt, für den ist die Musik der Produzentin aus Wales nicht gemacht.
Im Jahr 2017 erschien »Kelly Lee Owens«, das Debütalbum, auf dem die Künstlerin ohne freiwillige Selbstkontrolle die unterschiedlichsten Einflüsse aus der elektronischen Musik verband: Techno, Dream Pop, Ambient. Die Attitüde, die das Album vermittelt, passt hervorragend in die 2010er; eine Zeit, in der viele Künstler:innen aus dem Koordinatensystem Techno/House ausbrechen, sich ihm aber weiter zugehörig fühlen wollen.
Owens‘ multistilistischer Ansatz erklärt sich damit, dass sich alles im Leben der 36-Jährigen um Musik dreht. Nach ihrem Umzug von Wales nach London arbeitete sie zuerst als Praktikantin beim Indie-Label XL Recordings, spielte nebenbei Bass in der kurzlebigen Shoegaze-Band The History Of Apple Pie und jobbte jahrelang in verschiedenen Plattenläden in der britischen Hauptstadt.
Mit Richtungswechsel rechnen
Dort traf sie auch Daniel Avery und James Greenwood, die sie mit Musiksoftware vertraut machten. Mit Avery arbeitete sie 2013 für dessen Album »Drone Logic« zusammen. Ein Jahr später veröffentlichte sie ihre erste EP im Selbstverlag. Im Lauf der Jahre kamen weitere Kollaborationen dazu: St. Vincent, Björk, Jon Hopkins oder Sigrid – 2023 trat Owens im Vorprogramm der US-Tour von Depeche Mode auf.
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Die beiden Alben »Inner Song« (2020) und »LP.8« (2022) fallen eine Spur düsterer und experimenteller als das Debüt aus. Der Selbsteinschätzung der Künstlerin, dass ihre Musik »irgendwo zwischen Throbbing Gristle und Enya angesiedelt ist«, ist nichts hinzuzufügen.
Auf ihrem vierten Album »Dream State«, das im Herbst vergangenen Jahres herausgekommen ist, vollzieht Kelly Lee Owens einen krassen Richtungswechsel zu Trance und Pop. Sie ist halt immer für eine Überraschung gut.
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Kelly Lee Owens: Wie viele andere war auch ich hin und weg, als ich Nirvana zum ersten Mal hörte! Vor allem »Heart Shaped Box«. Der Text, die Bilder und der eindringliche Sound gaben mir das Gefühl, etwas gefunden zu haben, das diese verrückten Teenagerjahre versüßen könnte!
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Kelly Lee Owens: Als ich zum ersten Mal Nick Drake hörte, war es für mich, als hätte sich eine ganz neue Tür geöffnet. Eine Welt tat sich auf, in der ich seitdem glücklich lebe und die ich liebe. Um einen seiner Songs zu zitieren: Er hat mir das größte Geschenk gemacht: »A Place To Be«.
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Kelly Lee Owens: Diese Platte hat mich für den kosmischen Jazz geöffnet, ich habe bis Ende 20 gebraucht, um ihn wirklich zu »verstehen«. Aber das ist das Schöne an Musik, sie verändert sich und man verändert sich auch. Alice Coltrane plus Pharoah Sanders bringt mich einfach auf eine andere Ebene.
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Kelly Lee Owens: Ihre Stimme, ihre Produktion - die ultimative Kombination. Ich werde nie müde, ihr zuzuhören, und ich bin froh, dass ihr Erbe in den Schallwellen weiterlebt.
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Kelly Lee Owens: Kelly Lee Owens: Ich habe mich neulich mit meinem Kumpel Jack Bevan (Foals) unterhalten und wir haben uns daran erinnert, wie wir uns das erste Mal in Liverpool getroffen haben und wie wir alle am selben Tag zum ersten Mal dieses Album gehört haben. An diesem Tag habe ich gelernt, dass man Indie und Elektronik mischen kann. Es war tanzbar, gefühlvoll und trotzdem lustig. Es hat mich sehr inspiriert, als ich anfing, Musik zu machen.
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Kelly Lee Owens: Ich liebe jeden einzelnen Song, den die Cocteau Twins je gemacht haben. Das kann man wirklich selten sagen! Elizabeth ist wahrscheinlich eine der besten Sängerinnen unserer Zeit - es ist eine Freude, ihrer himmlischen Stimme zu lauschen. Und auf diesem Album sind einige meiner Lieblingssongs.
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Kelly Lee Owens: Diese Platte hat mich vielleicht am sichtbarsten geprägt. Meine Stimme ist auf »Drone Logic« zu hören und es ist mein erster Ausflug ins Schreiben und Produzieren. Meine Mitwirkung an diesem Album war der Beginn meiner musikalischen Karriere, und ich persönlich finde, dass es auch heute noch frisch klingt.
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Kelly Lee Owens: Ich würde sagen, dass dieses Album meinen Produktionsstil sehr beeinflusst hat. Die warmen, abgerundeten Klänge der Synthesizer, die auch eine Schärfe zu haben scheinen, die sich durch das Bewusstsein schneidet und dich fragen lässt, was zum Teufel du gerade gehört hast. Ich liebe die Verrücktheit und das Experimentieren beim Schreiben.
Sebastian Hinz
Kelly Lee Owens: Kelly Lee Owens: Es gibt viele, ich kann nur sagen, unheimliche Verbindungen, die ich zu diesem Album habe. Es hat mich so sehr beeinflusst, dass ich mir den Titel des Albums in der wunderschönen Frakturschrift des Covers auf mein Handgelenk tätowieren ließ. Jeff Buckley, obwohl nur für kurze Zeit hier, hatte für mich die Seele in seinen Liedern und seiner Performance auf eine Weise gemeistert, von der die meisten von uns nur träumen können.
Redaktion
Kelly Lee Owens: Ich nehme an, dass dieses Album den Weg geebnet hat für das, was elektronische Musik sein könnte – und das ist schließlich alles! Keine Regeln! Nur Herz. Ich bin Jon Hopkins dafür dankbar, und letztendlich waren es ähnliche Visionen, die uns dazu gebracht haben, auch gemeinsam Musik zu machen.
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