Zum Tod von Bill Fay: Ratsuchender zwischen den Stubenfliegen

25.02.2025
Foto:© Mathew Parri Thomas (Dead Oceans)
Bill Fay musste nie die Welt bereisen, um sie zu ergründen. Von Nord-London aus schrieb er einige der weisesten und schönsten Folk-Songs überhaupt – trotzdem blieb der ganz große Ruhm zeitlebens aus. Jetzt ist er im Alter von 81 Jahren gestorben

Die Erzählung vom einsamen Genie, das im stillen Kämmerlein arbeitet, gibt es wahrscheinlich schon so lange, wie Menschen Ideen haben. Nicht immer ist die Abschottung freiwillig, manchmal hat sie mit der Angst vor einer Entzauberung der Inspirationsfindung zu tun. Aber selten ist sie so stimmig mit dem Gesamtwerk eines Künstlers verbunden wie bei Bill Fay. 1943 in Nord-London geboren, sollte er fast sein ganzes Leben dort bleiben und die Öffentlichkeit scheuen.

Seit seinem 15. Lebensjahr verbrachte er seine Tage am liebsten mit dem Klavier im Eck seines Zimmers. Er studierte Elektronik und begann, eigene Songs zu schreiben, die ab 1967 das Label Deram veröffentlichte. Aber weder seine Single »Some Good Advice« / »Screams In The Ears«, noch seine beiden darauffolgenden Alben »Bill Fay« (1970) und »Time of The Last Persecution« (1971) verkauften sich gut. Also löste die Plattenfirma den Vertrag auf – und die Musikindustrie kehrte ihm für lange Zeit den Rücken.

Tomorrow, Tomorrow & Tomorrow

Vermutlich deshalb, weil die Ambivalenzen in seinem Folk-Rock ihrer Zeit voraus waren. Die behutsamen Melodien, die mal sparsame, mal festliche Instrumentierung und die christlichen Zitate hätten zwar gut in eine Kirche gepasst, aber dafür sind die Texte zu ausweglos und schwermütig. Im Glauben fand Fay Zuversicht, aber gleichzeitig warnte er schon früh – im gleichnamigen Song – vor »Pictures of Adolf Again« oder sang vom Ende der Nationen. »Apokalyptisch« nannten es viele, und verklausulierten damit auch jene Gedanken, die einen eben so ereilen, wenn man die meiste Zeit allein in einem Zimmereck verbringt, und die Fay so gut in Songtexte umwandeln konnte. Er wurde in der wenig differenzierenden Kategorie der Post-Dylan-Singer/Songwriter verbucht und von der Öffentlichkeit weitestgehend ignoriert.

Der große Ruhm blieb aus, auch, weil Bill Fay die Werbetrommel eben nicht so gern spielte wie sein Klavier.

Er gründete eine Familie und arbeitete über die folgenden Jahrzehnte als Obstpflücker, Platzwart oder Fischhändler. Mit der Musik brach er trotzdem nie und suchte jahrelang erfolglos nach einem Label. Erst Ende der 1990er Jahre kam wieder Interesse an seiner Musik auf, nicht zuletzt dank prominenter Fans wie Nick Cave und Jeff Tweedy von Wilco. Im Jahr 2005, da war Bill Fay 62 Jahre alt, erschien endlich sein drittes Album »Tomorrow, Tomorrow & Tomorrow«, das er dreißig Jahre zuvor geschrieben hatte. Aber der große Ruhm blieb weiter aus, auch, weil Fay die Werbetrommel eben nicht so gern spielte wie sein Klavier. Interviews gab er fast nie; Nick Caves Einladung, mit dessen Band Grinderman zu touren, lehnte er ab.

Now I know where I belong

2012 veröffentlichte das Label Dead Oceans mit »Life Is People« das erste von drei Spätwerken mit neuer Musik. Mit leicht brüchig gewordener, warmer Stimme besingt Fay darauf seine Angst vor Leuten, die mit ihren Telefonen verkabelt sind, und blickt sehnsüchtig zum Himmel und den Wolken, weil sich mit denen kein Handel betreiben lässt. Schon immer schien Fay Lösung und Erlösung zu suchen – und in seiner eigenen Musik zu finden. Das macht sie an vielen Stellen tröstlich, wobei sie für pastorale Phrasen zu gewichtig bleibt. Fays Schwermut äußerte sich auch in seiner Selbstironie: in »Some Good Advice« rät er, niemals einen Rat zu befolgen.

Dabei sind viele seiner Songs sehr gute Ratgeber. Zum Beispiel »Be Not So Fearful«, den später Wilco coverten. Oder »Tell It Like It Is«, einer der schönsten und weisesten Folk-Songs, die je geschrieben wurden. Bill Fay war immer gleichzeitig Ratsuchender und -gebender, ohne sich je auf irgendein Pult zu stellen. Denn wo er hingehörte, verkündete er schon mit 28 Jahren im Song »Inside The Keepers Pantry«: »Now I know where I belong / among the houseflies«. Dass es im Himmel Stubenfliegen gibt, hätten sich wahrscheinlich die wenigsten von uns gewünscht. Für Bill Fay hoffen wir es trotzdem. Am 22. Februar ist er im Alter von 81 Jahren in London gestorben.

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